"A journalist who is also a bad programmer, stylized in the style of Gary Larson"

Von der Rolle

KI liebt Rollenspiele. Wenn Sprachmodelle in einer Rolle stecken, schreiben sie im richtigen Tonfall und kommen einfacher zu Lösungen. Aber funktioniert das 2026 überhaupt noch? Und wenn ja: wie?

„Du bist Seminarcoach und planst einen Kickoff-Workshop.“ Das ist einer der ältesten Tricks beim Prompten: Wenn du eine bestimmten Text, eine bestimmte Lösung, einen bestimmten Stil haben willst, lass die KI ein Rollenspiel spielen und in eine Rolle schlüpfen, die zur Aufgabenstellung passt.

Wenn ich, wie in diesem Beispiel, einen Kickoff-Workshop mit KI planen will, lasse ich das Sprachmodell einen Seminar-Coach imitieren. Und weil ein KI-Sprachmodell ja letzten Endes eine große Text-Vorhersage-Maschine ist – die auf Basis ihrer Trainingsdaten eine Antwort generiert auf die Frage: „Was würde ein Mensch in einer vergleichbaren Situation schreiben?“ – bekomme ich das, was Seminar-Coaches so sagen zu Kickoffs, und das bringt mich in der Regel schon ein ganzes Stück weiter.

Spiel Rollenspiele mit der KI – diese Prompting-Technik kennen wir seit der GPT-3-Frühzeit, und sie hat sich über viele Studien bewährt. Aber funktioniert sie noch? Gerade lese ich im 🌐 Linkedin-Post einer KI-Beraterin das ganz schön laute Urteil: „Der Rollenprompt, ist dumm.“ Sind Rollenspiele mit den weiterentwickelten Sprachmodellen unserer Tage überholt – ist es Zeit, von der Rolle zu sein?

Warum KI-Rollenspiele kein Wundermittel sind

Der etwas überdrehte LinkedIn-Post bezieht sich auf eine 🌐 vorabveröffentlichte Studie (arxiv.org) des KI- und Management-Forschers Ethan Mollick (der selber nicht über den Verdacht erhaben ist, manchmal ganz schön dick aufzutragen). Die Studie tut etwas sehr Cleveres: Sie weist aktuellen KI-Modellen verschiedene Rollen zu – Physik-Experte, Laie, Dreijähriger – lässt sie dann beispielsweise knifflige Physik-Aufgaben lösen, und zählt, wie oft die Antwort bei den verschiedenen Rollen falsch ist.

Große Überraschung: Ob eine KI richtig auf eine Sachfrage antwortet, lässt sich durch die Rolle kaum beeinflussen. Okay, der Dreijährige antwortet ein paarmal häufiger falsch, aber insgesamt ist eine Rolle á la „Du bist ein Experte für…“ kein geeignetes Mittel, dafür zu sorgen, dass die KI auch wirklich richtig antwortet.

Antropomorphe Bullen-Statue mit verschränkten Armen im Nadelstreifen-Anzug vor Wand mit collagierten Zeitungsausschnitten

Der Strategieberater-Fail

Dass eine Rolle sogar kontraproduktiv sein kann, habe ich neulich in einem Workshop erlebt: Als Übung sollten die Teilnehmer einen KI-Strategie-Bot für eine (von mir ausgedachte) Firma bauen, die mit unklaren Zielen und widersprüchlichen Interessen zu kämpfen hatte. Drei Gruppen erstellten jeweils einen Bot zur Unterstützung der Geschäftsleitung, des Betriebsrats oder eines Personalberaters. Und dieser Bot tat, was Strategieberater so tun: er produzierte Text. So viel, dass man schon wieder eine KI brauchte, um das alles auszuwerten – hätte man sich aber auch sparen können.

Dem Ziel, konkrete Vorgaben für die Firma zu generieren, brachte uns keiner der Strategie-Bots näher: Der Strategieberater-Bot ist eine So-tun-als-ob-Rolle. Weil die KI auf Basis ihrer Trainingsdaten weder eine Lösung noch einen Lösungsweg generieren kann, simuliert sie Stil und Inhalte: Sieht aus wie Strategieberatung, ist aber nur Beraterbullshit. Ein prima Beispiel für „Workslop“ (🌐 Harvard Bussiness Review), gedankenlos generierte KI-Inhalte, die Arbeit machen anstatt Arbeit zu sparen.

Auf die Spitze trieb das ein Teilnehmer, der alle Strategiepapiere der Firma bei NotebookLM hochlud und sich eine Video-Zusammenfassung erstellen ließ. Das so entstandene 🌐 Motivations-Video (Youtube) scheint die schlimmsten Vorurteile gegen Managment-Berater, McKinsey und MBA belegen zu wollen: Es ist überzeugend, kompakt, voller Buzzwords – und ohne jede konkrete Aussage.

Rollen als Prompting-Technik also auf den Müllhaufen der KI-Geschichte? Nicht so schnell. Zum einen: Diese Sache mit dem „Vergesst eure Rollen-Prompts“ kommt alle Jahre wieder. Vor einem Jahr habe ich dann mal versucht, nachzumessen: nicht, wie häufig die Antworten einer bestimmten Rolle richtig sind, sondern wie gut sie darin sind, den typischen ChatGPT-Weichplastik-Stil zu vermeiden. Und da zeigt sich durchaus ein deutlicher Effekt.

Meine Kreativ-Rollen-Tipps

Klar ist: Wie andere Prompting-Techniken auch sind Rollen ein Mittel, der KI mitzuteilen, was ich von ihr will. Hier sind einige Ansätze, die sich für mich bewährt haben. Keiner davon funktioniert als Wunder-Rezept für alle Fälle, aber ich hoffe, es stecken ein paar Anregungen drin, die für eure Aufgaben passen.

Der offensichtlich beste Kandidat

Ein karikaturhaftes Bild von einem Roboter mit dem Kopf eines Autors, der entfernte Ähnlichkeit mit Günther Grass hat. Auf seinem Klemmbrett: ein Haken. Wenn ich eine bestimmte Art Text haben will, gibt es Rollen, die das besser können als andere: ich frage mich deshalb beim Prompten zuerst, ob es jemanden gibt, der besonders stilsicher auf meine Frage antworten kann.

  • Berater sagen Berater-Dinge: das bringt die KI – siehe oben – vielleicht nicht dazu, ein strategisches Problem bis ins letzte zu durchdringen, was sie ohnehin nicht kann. Aber es liefert mir zum Beispiel Kennenlern-Methoden für meinen Workshop – und Schablonen, über mein Problem nachzudenken: SWOT-Analyse, SMART-Ziele – die Wahrscheinlichkeit, solche Methoden vorgeschlagen zu bekommen, steigt durch eine Berater-Rollen-Zuweisung. Das kann ein Schritt Richtung Lösung sein. Denken muss ich trotzdem noch selber.

  • Das richtige Vorbild: „Du bist Schlussredakteur bei einer regionalen Tageszeitung“ führt zu einer anderen Art Text als „Du bist Deutschlehrer“.

  • Parodien, Imitationen, Nachahmungen haben ihren Wert: „Schreibe mir einen Text über Pizza Hawaii im Stil von Bushido“.

  • „Antworte als Harald Schmid; sei sarkastisch und hinterfrage alles“ ist ein Gegenmittel gegen die Neigung von Sprachmodellen, dem Nutzer zuzustimmen (mehr zur Neigung der KI-Sprachmodelle zur Schleimerei in 🌐 dieser LinkedIn-Snackable-AI-Ausgabe.)

Rezipienten-Rollen: Wie kommt das an?

Rollenwechsel: Denk nicht nur an jemanden, der einen Text für dich schreibt, sondern auch: Lass die KI jemand sein, der einen Text für dich liest.

  • „Erklär es mir, als ob ich fünf Jahre alt wäre“ – diese Aufforderung ist auf Reddit ziemlich üblich und deshalb in den Trainingsdaten der Sprachmodelle gut vertreten. Sie funktioniert gut, um komplexe Sachverhalte einfacher zu machen.

  • „Du bist Sheila aus Australien, die nicht besonders gut deutsch spricht und gerade so den Sprachtest Deutsch als Fremdsprache C1 bestanden hast. Sag, was du an diesem Text nicht verstehst und wie man es vielleicht besser ausdrücken könnte“ – so bekommt man Texte in einfacher Sprache.

Illustration: Eine junge Frau mit schulterlangem Haar und beigem Mantel steht auf einer belebten Straße. Im Hintergrund sind alte Gebäude und Geschäfte zu sehen. Die Straße ist mit Menschen belebt, und die Architektur wirkt europäisch.

Überhaupt: Personas mit KI simulieren – fiktive Personen, die uns helfen sollen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu beurteilen. Und wer sagt, dass man nur mit einer Persona auskommen muss?

Ein ganzer Raum voller Personas!

Damit das Ganze nicht abstrakt bleibt, hier ein paar Links zum Ausprobieren:

  • Ein Problem kreativ aus verschiedenen Perspektiven betrachten: ein „Denkhüte“-Chatbot (auf Basis der Methode von Edward de Bono) als 🌐 Custom GPT.

  • Wissenschafts-Pressetexte sind ein Balanceakt, weil sie den Wissenschaftlern oft zu unpräzise sind und den Journalist:innen oft zu unverständlich – dieses 🌐 Custom GPT beurteilt Texte aus der Sicht eines Laien und eines Wissenschaftlers, die gemeinsam um einen verbesserten Text ringen.

  • Eine kleine Spielerei: Personas auf Basis der „Digital Media Types“ beurteilen Ideen für Medienformate – das 🌐 DMT-Orakel.

KI-Sprachmodelle und Rollen: Do’s und Don’ts

Was nicht funktioniert:

  • Unrealistische Rollen. „Du bist die intelligenteste Person der Welt mit einem IQ von 400“ liefert nicht besonders clevere Lösungen, sondern Science Fiction.

  • So-tun-als-ob-Rollen. Der Stil eines Management-Beraters ist durch die Rolle leicht nachzuahmen, die Denkprozesse dahinter nicht. Es fehlt der Zwischenschritt: ein Lösungsweg. Wenn die Rolle den nicht aus den Trainingsdaten nachahmen kann, wird sie Lösungen simulieren statt sie zu liefern.

  • Rollen, deren Kompetenz ich nicht einschätzen kann. Der KI zu sagen: „Du bist Topjurist“, und sich dann den Anwalt sparen wollen – ganz schlechte Idee. Denn das Sprachmodell wird trotzdem immer wieder halluzinieren, siehe Mollick et al. Und ich merke es dann nicht. (H/T Kathrin Lückenga für die Ergänzung.)

Was gut funktioniert:

  • Rollen mit Stil. Der KI über ein Rollen-Vorbild mitteilen, welche Art Text ich haben will.

  • Rollen, die stereotyp bestimmte Lösungen vorschlagen. Kreativ-Techniken holt man sich beim Kreativtrainer, Rezepte für Hausmannskost bei Oma.

  • Rezipienten-Rollen. Definieren, wer einen Text für mich beurteilen soll.

  • Mehrfach-Rollen. Mehrere Perspektiven in die KI-Antwort integrieren.

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Kurzlink zu diesem Artikel: https://janeggers.tech/2qdw

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